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Recycle your Brain! Über Störungen durch aktuelle Kunst.

Text & Foto: Robert Hausmann

Der Biennale-Scan
Zwischen den klassischen Medien – Video, Installation, Malerei und Fotografie – suche ich erfolglos nach den Neuen auf dieser 54. Venedig-Biennale. Vergnügen (bei Franz West zum Beispiel oder Haroon Mirza, bei Speech Matters (Dänischer Pavillon), bei Christoph Schlingensief, dem Package von Melanie Smith oder jenes Vergnügen den Kunst-Discounter des Italienischen Pavillons zu besichtigen u.a.) und sehenswerte Videoarbeiten sind schneller zu finden. Alt steht neben jung, das Unfertige bricht das Überhöhte, der Trash züchtigt den Ernst. Keine Sorge, mir gefällt dieses Nebeneinander. Der kleine, abgedunkelte Vermittlungsraum im Arsenale wirkt allerdings weniger einladend. Und im Museumsshop des Zentralen Pavillons stoße ich auf ein Buch, das mir zu Denken gibt, Ästhetik der Interpassivität von Robert Pfaller. Besteht ein Zusammenhang zwischen dieser Biennale und jenem Buch?

„Manchmal frage ich mich, ob das jetzt Kunst ist.“ (Kommentar aus einer Gruppe von Kunstpädagogikstudierenden. VerfasserIn anonym.)
Grundlagen dieses Textes bilden Kommentare Studierender, die ich während der Rezeption aktueller Kunst auf der Biennale sammle. Ich muss davon nachhaltig beeindruckt worden sein, sonst würde ich hier nicht darüber schreiben. Es klingt abstrus, aber ich benutze die Äußerungen, weil sie für mich in ihrer blockierenden Ehrlichkeit grundlegende Ansichten einer zeitgemäßen Kunstpädagogik in Frage stellen. Manchmal sind das Einzelfälle, von Generalisierungen möchte ich nicht sprechen und dennoch wird man kräftig durchgeschüttelt. Meine Überlegungen, ich gebe es zu, bieten lediglich Impulse.
Jeder stellt sich wahrscheinlich manchmal diese Frage, ob das jetzt Kunst sei, aber die Auseinandersetzung darf damit nicht enden. Tiefgreifendere Fragen müssen her. In Ausstellungen aber, und das ist ein systemimmanenter Mechanismus oder Automatismus, bestimmen andere (zum Beispiel KünstlerInnen, KuratorInnen, KunstwissenschaftlerInnen, GaleristInnen), was Kunst ist. Die Biennale von Venedig ist dafür noch ein klassisches Beispiel. Wir dürfen also getrost sein, dort topaktuelle Kunst zu sehen. Ein Quantum Neugier gehört bei ihrer Wahrnehmung aber ebenfalls dazu, wie eine geistige Reflexivität, eine offene Haltung gegenüber Unbekanntem und die Fähigkeit Situationen auszuhalten.

Mike Nelsons I, Impostor

„Das ist nicht echt!“ (Kommentar, VerfasserIn anonym.) Der diesjährige Britische Pavillon ist ein Labyrinth, verschachtelt, fast jeder Winkel ist begehbar. In verschieden gebauten Räumen liegen auf Tischen und Schränken zufällig und geplant positionierte Gegenstände. Flaschen stehen herum, ein in der Wand eingelassener Ventilator dreht sich, ohne die Luft auch nur spürbar zu bewegen. Der Keller bleibt ein Geheimnis, der konstruierte Innenhof wirkt orientalisch, die gebauten Treppen verleiten, sie zu betreten. Einige Räume erinnern an Dunkelkammern, in denen Fotografien an Stricken aufgereiht sind. Da raunt es plötzlich: „Gibt’s hier auch ’ne Erklärung?“ (Kommentar, VerfasserIn anonym.)

Nachfragen
Am Anfang steht immer eine Frage. Eine Situation im Supermarkt, ein Ausstellungsbesuch, das Agieren im Web, ja, jede Forschung braucht Fragen. „Sie sind Motor und Motivation, etwas für sich zu erarbeiten, um es auch für andere sichtbar und erfahrbar zu machen.“ (Kämpf-Jansen 2000, S. 274-277.) Eine gute Frage sucht nach Möglichkeiten und nicht nach einer Antwort, sie kann Stand halten. Eine gute Frage braucht Zeit. „Weil Fragen stellen, ist das Schwierigste – über unsere Welt. Wenn man gute Fragen stellen kann über seine Welt, das bedeutet, dass man seine Welt versteht.“ (Jan Hoet: Was bedeutet Kunst für Sie persönlich? In: http://www.fragen-zur-kunst.de/#p3, Zugriff am 25.8.2011.)

Kunstvermittlung als Recycling
Vermittlung, insbesondere von Kunst, hat immer auch etwas von Recycling – sollte sie jedenfalls, wenn sie zeitgemäß ist. Denn was aus Vorhandenem in Prozessen entwickelt wird, ist ungewiss. Bei aktueller Kunst ist das ähnlich. Recycling ist zumindest seit Duchamp generell anerkanntes künstlerisches Prinzip. Neues wird nicht aus dem Nichts geschaffen, es besteht „[…] immer aus Altem, aus Zitaten, Verweisen auf die Tradition, Modifikationen und Interpretationen des bereits Vorhandenen.“ (Groys 1992, S. 67.) Darin liegt auch der Ursprung ‚echter’ Kreativität.
Schon längst lässt die Non-Stop-Produktion dieses Neuen die Grenzen zwischen Leben, Kunst und Vermittlung verwischen. „Nicht mehr nur der fertiggemachte Alltagsgegenstand oder der reale Erlebniszeitraum sind Material für künstlerisches Handeln, die gesamte gesellschaftliche Wirklichkeit wird als Readymade in die Werke mit einbezogen.“ (Voermanek, Wißmann 2004, S. 18.) In diesen sich ständig überlagernden virtuellen und physischen Räumen produziert Vermittlung „[…] als eigenständige Praxis Möglichkeiten des intervenierenden Umgangs mit der Kunst und ihren Institutionen, empowert, dekonstruiert.“ (Settele 2010, S. 183.)
Gemeinsam können aktuelle Kunst und deren Vermittlung dann jenes unförmige und subversive Paket mit der Aufschrift „Danger“ bilden, das beim Öffnen ein nervös zuckendes „Help me“ aufblitzen lässt. Diese Repression kann beängstigen. In derartigen Situationen werden des Öfteren folgende Fragen zitiert: Was soll das? Muss ich das verstehen? Ist das jetzt Kunst? Und genau in diesen Momenten scheint das Paket gänzlich explodiert zu sein, Ziel erreicht, mitten ins Schwarze – in das Unbekannte, in das Unverständnis und Unvermögen, eigenes Nichtkönnen und Nichtwissen produktiv umzusetzen. Wissen und Können nützen weniger, wenn man nicht gelernt hat „[…] etwas zu tun, wenn man ansonsten nichts tun kann. Nur wer weiß, was man tut, wenn nichts zu machen ist, verfügt über hinreichend effiziente weiterlaufende Lebensspiele, die ihm dabei helfen, nicht in auflösende Panik oder seelentötende Starre zu verfallen.“ (Sloterdijk 2010, S. 13.)
Gute aktuelle Kunst bietet keine Sicherheiten. Die Frage nach ihrer Kunstwürdigkeit ist ein wiederkehrendes Phänomen, auch im kunstpädagogischem Studium. Kunst sei nicht witzig, „[…] sie hat etwas Stolzes und Schönes und Ernstes zu sein – dieser Nimbus umgibt sie noch immer. In der Musik, der Literatur oder im Film gehört das Vergnügen selbstverständlich dazu; in der Kunst aber gilt oft das protestantische Ethos von Arbeit und Anstrengung. Kunst muss wahr sein, und das Wahre ist nicht lustig.“ (Rauterberg 2007, S. 222f.)
Wie kommen wir da weg? Und wo kommen wir dann hin? Die Potenziale des Neuen in der Kunst (z.B. Augmented Reality, Postirony, Fake, Cultural Hacking oder Cultural Jamming), die Errungenschaften der Kunst-, Bild-, und Medientheorie sowie neuer kunstpädagogischer Konzepte bleiben ungenutzt, wenn sie keine vollständige Übertragung erfahren oder einer Ich-tue-so-als-hätte-ich-es-verstanden-damit-der-Dozent-zufrieden-ist-Mentalität zum Opfer fallen. Besser wir streiten darüber, aber dann richtig!

Gebrauchshinweise
Im Folgenden erlaube ich es mir – einer auflösenden Panik vorbeugend – Hilfestellungen zu geben, die Repressionen beim Kontakt mit aktueller Kunst vermeiden können. Diese Schritte sind keineswegs neu, Kunstpädagogikstudierende kommen damit im ersten Semester in Berührung. Wer also genug davon hat, möge sie überspringen. Sie sind vielzitiert und Grundlage jeder aktiven Annäherung, dennoch gerät folgendes Kompendium allzu schnell in Vergessenheit:
Sie nehmen Kunst wahr. Bleiben Sie ruhig. Lassen Sie Ihre eigene Unfähigkeit zu. Sie haben Zeit. Stellen Sie eine, wenn auch nichtige Frage. Nur eben nicht die Frage, die alles im Keim erstickt: Ist das Kunst? Suchen Sie sich einen Punkt in der Arbeit, der Sie anspricht, Sie an etwas erinnert, ja sogar anfixt, Sie zum Lachen bringt, Sie nachdenklich stimmt, euphorisch zum Stift greifen lässt, um irgendetwas niederzuschreiben. Ist es die Materialität? Das Medium? Welchen Inhalt könnte die Arbeit besitzen? Können Sie sich zur ihr in Beziehung setzen, einen Platz oder eine Rolle darin einnehmen? Was wäre das? Warum könnte sie Teil dieser Ausstellung sein? Kennen Sie die Künstlerin oder den Künstler dieses Werkes? Wenn nicht, dann ist es nicht weiter von Bedeutung. Googeln Sie sie oder ihn aber spätestens zuhause. Könnten Sie die Arbeit jemandem beschreiben? Dann senden Sie doch eine SMS oder Email, twittern Sie die Arbeit oder posten Sie ihre Gedanken auf Facebook. Machen Sie etwas, trauen Sie sich, Sie haben nichts zu verlieren.

Chancen
Das Ziel der Kunstvermittlung und Kunstpädagogik ist die Partizipation an jenen Diskursen, Störungen und Fremdheitserfahrungen, die aktuelle Kunst eröffnet. „In einer Vermittlungssituation gilt das für alle Teilnehmenden. Das Wissen, dass Subjektivität im Blick notwendig ist, um aus dem Feld heraus überhaupt eine Perspektive zu entwickeln, impliziert, dass auch ein Vermittelnder in geglückten Vermittlungssituationen mit ‚anderem’ konfrontiert wird […] Dabei geht es nicht unbedingt immer um Neuerfindung, aber um die Aufmerksamkeit für Grenzverschiebungen.“ (Heil 2007, S. 340.) Das Ästhetische oder das Wahrnehmbare ist immer »ein Zugang, ein Ende […] ein Moment von Bildung.« (Pazzini 2003, S. 275-285, S.278.) Bildung ist der Prozess des Infragestellens hergebrachter und des Ausprobierens neuer Ordnungsmuster. (Vgl. Kokemohr 2007, S. 13–68, S. 14.) Eine Bildung, die sich auf aktuelle Kunst bezieht, will nicht die Wirklichkeit abbilden, es geht viel mehr »um den notwendigen, spannenden Prozess Wirklichkeit zu destruieren und zu konstruieren.« (Pazzini 2003, S. 285.) Wenn dieser psychische Vorgang als Recycling verstanden wird, dann ist aktuelle Kunst ein Katalysator.

Die ReBiennale

„Schwärme von Kunsttouristen; jede Menge Kunst, Material und Künstler. Und am Ende bleibt dann meist ein riesiger Kunstabfallhaufen zurück.“ (derstandard.at, veröffentlicht 02.06.2011.) Um die „Abfälle“ der Biennale kümmert sich seit einigen Jahren das Non-Profit-Unternehmen ReBiennale, eine Gruppe von Aktivisten, Kunst- und ArchitekturstudentInnen, die die Überreste der Biennale für Kunst- und Architekturprojekte recyceln. Da keine Lagerräume existieren, wird bereits zu Beginn eine Datenbank erstellt, in der die Materialien verzeichnet werden. Interessenten können dann direkt vom Ausstellungsgelände abholen, was sie reservieren. Aber auch aktuelle Arbeiten der Biennale profitieren davon. Mike Nelson zum Beispiel wurde dort für den Einbau eines türkischen Dorfes in den Britischen Pavillon fündig.

Lasst uns auch recyceln!

Der Text erscheint im Biennale-Katalog 2011 des FB Kunstpädagogik der TU Dresden.

Literatur:

Boris Groys: Über das Neue. Versuch einer Kulturökonomie. München 1992.

Christine Heil: Kartierende Auseinandersetzung mit aktueller Kunst. Erfinden und Erforschen von Vermittlungssituationen. München 2007.

Helga Kämpf-Jansen: Ästhetische Forschung – Fünfzehn Thesen zur Diskussion. In: Dies.: »Ästhetische Forschung. Wege durch Alltag Kunst und Wissenschaft – Zu einem innovativen Konzept ästhetischer Bildung«. Köln, 2000.

Rainer Kokemohr: »Bildung als Welt- und Selbstentwurf im Anspruch des Fremden. Eine theoretischempirische Annäherung an eine Bildungsprozesstheorie«, in: Koller, Hans-Christoph; Marotzki, Winfried; Sanders, Olaf (Hg.): Bildungsprozesse und Fremdheitserfahrung. Beiträge zu einer Theorie transformatorischer Bildungsprozesse, Bielefeld 2007.

Karl-Josef Pazzini: Alle Bildung ist ästhetisch. In: Lemke, Claudia, Meyer Torsten, Münte-Goussar Stephan, Pazzini Karl-Josef (Hg.): sense & cyber. Kunst, Medien, Pädagogik. Bielefeld 2003.

Hanno Rauterberg: Und das ist Kunst? Eine Qualitätsprüfung. Frankfurt am Main 2007.

Bernadette Settele: Vermittlung. In: Com&Com: Lexikon zur zeitgenössischen Kunst. Sulgen/ Zürich 2010.

Peter Sloterdijk: Das Zeug zur Macht. In: Ders., Sven Voelker: Der Welt über die Straße helfen. Designstudien im Anschluss an eine philosophische Überlegung. München 2010.

Eva Voermanek, Silke Wißmann: Wie geht Kunst? Künstlerische Prozesse bei Schülern und Lehrern. Kassel 2004.

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upcoming: Flurgespräche 7

Für die kommenden Flurgespräche ist ein neues Gesprächsdesign geplant. Ein Experiment, auf das wir gespannt sein dürfen.

Hallo Welt! – Ob Lehrender oder Studierender: Wir brauchen eure Produktionen in genau 3 Minuten. Denkt laut, steht auf, provoziert, stoßt an, redet, zeigt etwas, fragt, regt euch auf, klagt an, lobt oder macht irgendetwas. Alle Medien sind möglich. Wir bieten: einen Tisch, einen Stuhl, etwas Technik und ein Publikum.
Auftakt: Projektvorstellung »Zwischen Menschen« von Alrun Krauß mit dem Kurzfilm »Zwischen Menschen. Über Wendungen einer Idee«


10. Mai um 18.30 Uhr im Flur der August-Bebel-Straße 20

(Institut für Kunst- und Musikwissenschaft der TU Dresden)

Informelle Anmeldungen für Beiträge (Name/E-Mail/Medien) über den Briefkasten des Offenen Bücherregals oder per E-Mail.
www.flurgespraeche.wordpress.com

Kontakt: flurgespraeche@gmail.com

Taggen lässt sich »Hallo Welt!« großartig, wie sich oben unschwer erkennen lässt. Und vielen Usern ist »Hello World!« von der Ersteinrichtung eines Blogs bekannt. Damit verknüpft ist die Hallo-Welt-Thematik auch in der Programmiersprache wiederzufinden: »Ein Hallo-Welt-Programm ist ein kleines Computerprogramm und soll auf möglichst einfache Weise zeigen, welche Anweisungen oder Bestandteile für ein vollständiges Programm in einer Programmiersprache benötigt werden und somit einen ersten Einblick in die Syntax geben. Aufgabe des Programms ist, den Text Hallo Welt! oder auf Englisch Hello World! auszugeben. Wegen der einfachen Aufgabenstellung eignen sich solche Programme insbesondere für didaktische Zwecke.«
(http://de.wikipedia.org/wiki/Hallo-Welt-Programm)

Try It: Augmented Reality

Augmented Reality_ Windräder [Webcam] ge.ecomagination.com

Das Physische und das Virtuelle verschmelzen ineinander. Mit der eigenen Webcam wird die erweiterte Realität für jeden zum Greifen nah – auf www.ge.ecomagination.com ist dies ganz leicht möglich. Die von mir geschossenen Screenshots geben einen ersten Eindruck – ein interaktives Tool, das Impulse gibt: für Wirtschaft, Schule und Universität.

Kulturtechnik: hacking

Ohne Frage, hacking ist nicht mehr nur computerbasiert. Umcodieren, Eingreifen, Experimentieren und Zweckentfremden, diese ehemals computertechnischen hacking-Strategien werden im real-life angewendet. Schon längst wird in die unendlichen Weiten des Alltags, des Stadtraums, des Konsums, der Wirtschaft, der Kommunikation und der zwischenmenschlichen Beziehungen gehackt. »Hacker nutzen eben jede Möglichkeit, um eine Botschaft in den Fluss der Codes, Slogans und Logos einzuspeisen, egal ob mit mobilen Endgeräten, multiplen Eingabefenstern oder textilen Oberflächen. Das T-Shirt ist auch nur ein Massenmedium der Fußgängerzone.« (http://carta.info/23060/larsson-millennium-trilogie-hacker/)

Hacken!? In bestehenden sozialen, ökonomischen und kulturellen Ordnungen können Störungen stattfinden, um sich der Konstruktion von Systemen bewusst zu werden, um Mitmenschen aufmerksam zu machen und um dadurch (wenigstens) irgendwelche Denkprozesse in Gang zu setzen.
Einstiegsaufgabe: Ins Zentrum gehen. Mit Absperrband Leute umlenken, blockieren und abbringen. (Absperrung ungültig)

System-Kunst-Bildung

Ein System ist ein kompliziertes, anders gesagt komplexes und globales, zum Teil abgeschlossenes Gebilde, dessen Gesamtbild sich aus unterschiedlichen Teilen ergibt, die sich gegenseitig bedingen. Makroebene und Mikroebene sind emergent, z.B. wird im Bereich der neuen Medien die Netzkunst durch das Zusammenwirken der einzelnen Teile des Systems »Internet« (weitere Vernetzung, Verlinkung, Aufrufe durch User etc.) verbreitet. Ähnlich verhält es sich bei Online-Spielen, Foren, Blogs u.a.

Die Komplexität eines Systems wird bestimmt durch die vielfältigen Verknüpfungen seiner Bereiche, die untereinander immer wieder neue, variable Vernetzungen eingehen können, sowohl zwischen gleichartigen als auch zwischen divergierenden Teilen. Eigene Ordnungen entstehen. Betrachte ich nun z.B. jedes Individuum als eigenes System, existieren auf diesem Planeten Milliarden von ähnlichen oder absolut gegenläufigen Ordnungen, die sich wiederum untereinander beeinflussen. »Ordnungen entstehen ebenso wie Chaos und Zerfall in kritischen Zuständen, die von Kontrollparametern eines Systems empfindlich abhängen oder sich selber organisieren.« (Klaus Mainzer, Komplexität, Paderborn 2008, S. 10)

Die Funktionssysteme einer heutigen Gesellschaft wie Wirtschaft, Politik, Recht, Medizin, Bildung, Schule und Kunst, sind untereinander verbunden. Das bezeichnet der Soziologe Niklas Luhmann als »strukturelle Kopplung« (Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt 1997, S. 778). Diese Kopplung zeigt sich vor allem in Leistungen, die systemübergreifende Beziehungen und Abhängigkeiten schaffen. Die Wirtschaft etwa finanziert alle Funktionssysteme. (Vgl. Gunter Runkel, Günter Burkart. Einleitung: Luhmann und die Funktionssysteme. In: Dies. (Hrsg.). Funktionssysteme der Gesellschaft: Beiträge zur Systemtheorie von Niklas Luhmann. Wiesbaden 2005, S. 7-11, S. 7f) Die Ökonomie wird damit zum Biofilm, in dem wir schwimmen. Aber auch im Kommunikationssystem werden unzählige singuläre Systeme miteinander vernetzt. Das System »Ameisenhügel« u.a. erweist sich nicht nur als ein sozial, militärisch und hierarchisch angelegtes, sondern auch als hochgradig kommunikatives Netz.

Systeme sind in ihrer Komplexität wohl kaum zu reduzieren. Zwar ermöglicht die Reduktion einen Überblick, eine Vereinfachung und Beherrschbarkeit der zumeist verschiedenartigen Strukturen, Verzweigungen bis in feinste Glieder gehen dabei verloren. Es wird verallgemeinert, das Besondere wird abgerundet – gleich gemacht. Homogenität und Überschaubarkeit anstatt einer komplexen, heterogenen Sicht auf die Dinge.

Schulische Vermittlungsprozesse sind hierfür besonderes Beispiel, wenn von didaktischer Reduktion die Rede ist – reduziert-linear anstatt Lebensweltorientierung und Vernetzung. »Ein Unterricht der an den Vorstellungen vorbeigeht, die die SchülerInnen von sich aus bilden, ist von vornherein zum Mißerfolg verurteilt, da er das Denken der Jugendlichen unberührt läßt. Ohne die Kenntnis der Gesichtspunkte der Schülerinnen und Schüler erscheinen biologische Sachverhalte den Lehrenden häufig allzu selbstverständlich […]«. Kriterien, die von der Biologie zur Einordnung von Tieren verwendet werden, sind SchülerInnen fremd. (UB 218/20. Jahrg./Oktober 1996) Eine über Jahrhunderte angewachsene Handhabung des »Gleichen« und des »Anderen«, d.h. tradierte Ordnung wird damit erschüttert. (Vgl. Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge, Frankfurt am Main 1974, S. 17)

komplexes System in Betrieb
(Quelle: http://img27.imageshack.us/img27/774/t7nbdx.gif)

Komplexität überfordert. Diese Überforderung kann, speziell im Bildungskontext, Ausgangspunkt anderer Denkprozesse werden. »Jedenfalls wird es etwas sein müssen, dass das normale Fassungs- und Verarbeitungsvermögen so übersteigt, irritiert, kurz austreten lässt, überzeichnet, durch hartnäckige Disziplin aushebelt, dass ein Mensch nicht umhin kann, dies so zu integrieren, dass dabei irgendeine Form von Erzählung abfällt. Das heißt, dass ein neuer Zusammenhang konstruiert wurde. Ein bisschen Qual, Widerwillen, Ekel und Schmerz wird wohl auch dabei gewesen sein. All das hat Kunst mehr als genug im Angebot.« (Karl-Josef Pazzini. Berge versetzen, damit es was zu erzählen gibt. In: Franz Billmayer (Hrsg.). Angeboten. Was die Kunstpädagogik leisten kann. München 2008, S. 157-163, S. 162f) Das Angebot von Kunstpädagogik ist, nach Pazzini, die Transgression, d.h. das Überholen des Allgemeinen und des Trivialen, hin zum Besonderen. Die Kunst könnte dann zum Denkprinzip der Pädagogik werden, zum Interface zwischen Welt und Individuum. Denn »bei der kommunikablen Prägung von Kunst wird dagegen das Vermittelbare im Horizont des Offenen zu einer Möglichkeit für den Betrachter. Seine Reaktionen und Handlungen sind hierbei weder präjudiziert noch absehbar. Es geschieht keine Integration in die Ordnung eines vorgegebenen Begriffes. Hier finden wir die Stoßrichtung der Postmoderne.« (Pierangelo Maset. Die „Kunst der Gesellschaft“ in Gesellschaft der Kunst. In: Gunter Runkel, Günter Burkart (Hrsg.). Funktionssysteme der Gesellschaft: Beiträge zur Systemtheorie von Niklas Luhmann. Wiesbaden 2005, S. 89-100, S. 92) Die kommunikative Wirkung des Systems »Kunst« – das zugleich wohl Kommunikationssystem, nebenbei Teil des Wirtschaftssystems und obendrein Körperteil einer Gesellschaft ist – führt zu offen angelegten Vermittlungsprozessen, die über schulische Zielvorstellungen hinausgehen.

Komplexe Strategien der Aneignung von Welt könnten dann Gegenstand dauerhaft unlinearer und vernetzter Bildungsprozesse sein, die auf Irritationen, als auch auf Selbst- und Fremdwahrnehmung setzen. Ein Zulassen von Komplexität entspräche ohnehin vielmehr dem umfassenden neuronalen System des humanoiden Gehirns und letztendlich der Struktur von Welt.

Über Ordnungen.

Aus dem Inhalt des Besteckkastens (von links nach rechts): Messer aus Metall, Gabeln, große Löffel, kleine Löffel, Messer mit Metallklinge und Plastikgriff, zwei Reagenzgläser. Wer braucht das?

Ordnungen sind Ergebnisse einer Auseinandersetzung mit Welt. Es sind Wahrnehmungsleistungen, die zu einer eigenen Erklärung und Strukturierung der Welt führen können. Nicht immer so einfach wie die Benutzung einer bestehenden Ordnung, sind dabei die Prozesse des Einordnens und Kategorisierens, sie bleiben oft unsichtbar. «Nichts ist tastender, nichts ist empirischer als die Einrichtung einer Ordnung unter den Dingen. Nichts erfordert ein offeneres Auge, eine treuere und besser modulierte Sprache.» (Michel Foucault. Die Ordnung der Dinge. Frankfurt am Main 1974, S. 22.) Die Erstellung neuer Ordnungsprinzipien erfordert Überwindung und Zeit. Welches Schlagwort? Wie ordne ich ein? Und vor allem was? Bereits das Taggen eines Blogartikels stellt mich dabei vor Schwierigkeiten. Anders dagegen verhält es sich beim Social Tagging: das freie Zuordnen von Schlagworten zu einem Inhalt durch LeserInnen, ohne bestimmte Regeln. Eine Form von Ordnung, welche die eines Individuums überschreitet, quasi kollektiv wird.

Ebenso wie Dinge lassen sich aber auch Bilder ordnen. Bilder sind und entstehen überall dort, wo wahrgenommen wird. Demnach lassen sich auch Dinge als Bilder bezeichnen. Jeder kann ordnen, entweder über Inhalte oder formale Aspekte. «Das Erforschen künstlerischer Werke im Netz begann für mich mit dem Auffinden, dem Sammeln, dem Beschreiben und dem Sortieren dieser Werke. Es mussten Ordnungen erfunden werden, um die Vielzahl von Werken in ihrer Heterogenität zu systematisieren und zu kontextualisieren.» (Sara Burkhardt. Das Netz als künstlerisches Medium. Neue Räume für kunstpädagogische Forschung. In: Meyer, Torsten, Sabisch, Andrea (Hrsg.). Kunst Pädagogik Forschung. Aktuelle Zugänge und Perspektiven. Bielefeld 2009, S. 193.)

Die Un- und Mehrdeutigkeiten bestimmter Bilder sperren sich oft gegen eine eindeutige Systematisierung. Neue, eigene Sparten können aufgemacht werden. Ja sogar Verlinkungen, ähnlich Hyperlinks, können unter den Teilen einer Ordnung und den Gliedern zwischen den Ordnungen entstehen. Bestehende, tradierte und sozialisierte Ordnungen und deren Prinzipien müssen dann hinterfragt werden, «um festzustellen, daß diese Ordnungen vielleicht nicht die einzig möglichen oder die besten sind.» (Foucault 1974, S. 23.) Dann entstehen Ordnungen als eigene (Bedeutungs-)Netze.


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