Archive for the 'KünstlerInnen' Category

„Sieben bis Zehn Millionen“ Möglichkeiten?


Stefan Panhans, »Sieben bis zehn Millionen« 2005.

Heideggers „In der Welt sein“ heißt heute Up-to-date-Sein.

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Recycle your Brain! Über Störungen durch aktuelle Kunst.

Text & Foto: Robert Hausmann

Der Biennale-Scan
Zwischen den klassischen Medien – Video, Installation, Malerei und Fotografie – suche ich erfolglos nach den Neuen auf dieser 54. Venedig-Biennale. Vergnügen (bei Franz West zum Beispiel oder Haroon Mirza, bei Speech Matters (Dänischer Pavillon), bei Christoph Schlingensief, dem Package von Melanie Smith oder jenes Vergnügen den Kunst-Discounter des Italienischen Pavillons zu besichtigen u.a.) und sehenswerte Videoarbeiten sind schneller zu finden. Alt steht neben jung, das Unfertige bricht das Überhöhte, der Trash züchtigt den Ernst. Keine Sorge, mir gefällt dieses Nebeneinander. Der kleine, abgedunkelte Vermittlungsraum im Arsenale wirkt allerdings weniger einladend. Und im Museumsshop des Zentralen Pavillons stoße ich auf ein Buch, das mir zu Denken gibt, Ästhetik der Interpassivität von Robert Pfaller. Besteht ein Zusammenhang zwischen dieser Biennale und jenem Buch?

„Manchmal frage ich mich, ob das jetzt Kunst ist.“ (Kommentar aus einer Gruppe von Kunstpädagogikstudierenden. VerfasserIn anonym.)
Grundlagen dieses Textes bilden Kommentare Studierender, die ich während der Rezeption aktueller Kunst auf der Biennale sammle. Ich muss davon nachhaltig beeindruckt worden sein, sonst würde ich hier nicht darüber schreiben. Es klingt abstrus, aber ich benutze die Äußerungen, weil sie für mich in ihrer blockierenden Ehrlichkeit grundlegende Ansichten einer zeitgemäßen Kunstpädagogik in Frage stellen. Manchmal sind das Einzelfälle, von Generalisierungen möchte ich nicht sprechen und dennoch wird man kräftig durchgeschüttelt. Meine Überlegungen, ich gebe es zu, bieten lediglich Impulse.
Jeder stellt sich wahrscheinlich manchmal diese Frage, ob das jetzt Kunst sei, aber die Auseinandersetzung darf damit nicht enden. Tiefgreifendere Fragen müssen her. In Ausstellungen aber, und das ist ein systemimmanenter Mechanismus oder Automatismus, bestimmen andere (zum Beispiel KünstlerInnen, KuratorInnen, KunstwissenschaftlerInnen, GaleristInnen), was Kunst ist. Die Biennale von Venedig ist dafür noch ein klassisches Beispiel. Wir dürfen also getrost sein, dort topaktuelle Kunst zu sehen. Ein Quantum Neugier gehört bei ihrer Wahrnehmung aber ebenfalls dazu, wie eine geistige Reflexivität, eine offene Haltung gegenüber Unbekanntem und die Fähigkeit Situationen auszuhalten.

Mike Nelsons I, Impostor

„Das ist nicht echt!“ (Kommentar, VerfasserIn anonym.) Der diesjährige Britische Pavillon ist ein Labyrinth, verschachtelt, fast jeder Winkel ist begehbar. In verschieden gebauten Räumen liegen auf Tischen und Schränken zufällig und geplant positionierte Gegenstände. Flaschen stehen herum, ein in der Wand eingelassener Ventilator dreht sich, ohne die Luft auch nur spürbar zu bewegen. Der Keller bleibt ein Geheimnis, der konstruierte Innenhof wirkt orientalisch, die gebauten Treppen verleiten, sie zu betreten. Einige Räume erinnern an Dunkelkammern, in denen Fotografien an Stricken aufgereiht sind. Da raunt es plötzlich: „Gibt’s hier auch ’ne Erklärung?“ (Kommentar, VerfasserIn anonym.)

Nachfragen
Am Anfang steht immer eine Frage. Eine Situation im Supermarkt, ein Ausstellungsbesuch, das Agieren im Web, ja, jede Forschung braucht Fragen. „Sie sind Motor und Motivation, etwas für sich zu erarbeiten, um es auch für andere sichtbar und erfahrbar zu machen.“ (Kämpf-Jansen 2000, S. 274-277.) Eine gute Frage sucht nach Möglichkeiten und nicht nach einer Antwort, sie kann Stand halten. Eine gute Frage braucht Zeit. „Weil Fragen stellen, ist das Schwierigste – über unsere Welt. Wenn man gute Fragen stellen kann über seine Welt, das bedeutet, dass man seine Welt versteht.“ (Jan Hoet: Was bedeutet Kunst für Sie persönlich? In: http://www.fragen-zur-kunst.de/#p3, Zugriff am 25.8.2011.)

Kunstvermittlung als Recycling
Vermittlung, insbesondere von Kunst, hat immer auch etwas von Recycling – sollte sie jedenfalls, wenn sie zeitgemäß ist. Denn was aus Vorhandenem in Prozessen entwickelt wird, ist ungewiss. Bei aktueller Kunst ist das ähnlich. Recycling ist zumindest seit Duchamp generell anerkanntes künstlerisches Prinzip. Neues wird nicht aus dem Nichts geschaffen, es besteht „[…] immer aus Altem, aus Zitaten, Verweisen auf die Tradition, Modifikationen und Interpretationen des bereits Vorhandenen.“ (Groys 1992, S. 67.) Darin liegt auch der Ursprung ‚echter’ Kreativität.
Schon längst lässt die Non-Stop-Produktion dieses Neuen die Grenzen zwischen Leben, Kunst und Vermittlung verwischen. „Nicht mehr nur der fertiggemachte Alltagsgegenstand oder der reale Erlebniszeitraum sind Material für künstlerisches Handeln, die gesamte gesellschaftliche Wirklichkeit wird als Readymade in die Werke mit einbezogen.“ (Voermanek, Wißmann 2004, S. 18.) In diesen sich ständig überlagernden virtuellen und physischen Räumen produziert Vermittlung „[…] als eigenständige Praxis Möglichkeiten des intervenierenden Umgangs mit der Kunst und ihren Institutionen, empowert, dekonstruiert.“ (Settele 2010, S. 183.)
Gemeinsam können aktuelle Kunst und deren Vermittlung dann jenes unförmige und subversive Paket mit der Aufschrift „Danger“ bilden, das beim Öffnen ein nervös zuckendes „Help me“ aufblitzen lässt. Diese Repression kann beängstigen. In derartigen Situationen werden des Öfteren folgende Fragen zitiert: Was soll das? Muss ich das verstehen? Ist das jetzt Kunst? Und genau in diesen Momenten scheint das Paket gänzlich explodiert zu sein, Ziel erreicht, mitten ins Schwarze – in das Unbekannte, in das Unverständnis und Unvermögen, eigenes Nichtkönnen und Nichtwissen produktiv umzusetzen. Wissen und Können nützen weniger, wenn man nicht gelernt hat „[…] etwas zu tun, wenn man ansonsten nichts tun kann. Nur wer weiß, was man tut, wenn nichts zu machen ist, verfügt über hinreichend effiziente weiterlaufende Lebensspiele, die ihm dabei helfen, nicht in auflösende Panik oder seelentötende Starre zu verfallen.“ (Sloterdijk 2010, S. 13.)
Gute aktuelle Kunst bietet keine Sicherheiten. Die Frage nach ihrer Kunstwürdigkeit ist ein wiederkehrendes Phänomen, auch im kunstpädagogischem Studium. Kunst sei nicht witzig, „[…] sie hat etwas Stolzes und Schönes und Ernstes zu sein – dieser Nimbus umgibt sie noch immer. In der Musik, der Literatur oder im Film gehört das Vergnügen selbstverständlich dazu; in der Kunst aber gilt oft das protestantische Ethos von Arbeit und Anstrengung. Kunst muss wahr sein, und das Wahre ist nicht lustig.“ (Rauterberg 2007, S. 222f.)
Wie kommen wir da weg? Und wo kommen wir dann hin? Die Potenziale des Neuen in der Kunst (z.B. Augmented Reality, Postirony, Fake, Cultural Hacking oder Cultural Jamming), die Errungenschaften der Kunst-, Bild-, und Medientheorie sowie neuer kunstpädagogischer Konzepte bleiben ungenutzt, wenn sie keine vollständige Übertragung erfahren oder einer Ich-tue-so-als-hätte-ich-es-verstanden-damit-der-Dozent-zufrieden-ist-Mentalität zum Opfer fallen. Besser wir streiten darüber, aber dann richtig!

Gebrauchshinweise
Im Folgenden erlaube ich es mir – einer auflösenden Panik vorbeugend – Hilfestellungen zu geben, die Repressionen beim Kontakt mit aktueller Kunst vermeiden können. Diese Schritte sind keineswegs neu, Kunstpädagogikstudierende kommen damit im ersten Semester in Berührung. Wer also genug davon hat, möge sie überspringen. Sie sind vielzitiert und Grundlage jeder aktiven Annäherung, dennoch gerät folgendes Kompendium allzu schnell in Vergessenheit:
Sie nehmen Kunst wahr. Bleiben Sie ruhig. Lassen Sie Ihre eigene Unfähigkeit zu. Sie haben Zeit. Stellen Sie eine, wenn auch nichtige Frage. Nur eben nicht die Frage, die alles im Keim erstickt: Ist das Kunst? Suchen Sie sich einen Punkt in der Arbeit, der Sie anspricht, Sie an etwas erinnert, ja sogar anfixt, Sie zum Lachen bringt, Sie nachdenklich stimmt, euphorisch zum Stift greifen lässt, um irgendetwas niederzuschreiben. Ist es die Materialität? Das Medium? Welchen Inhalt könnte die Arbeit besitzen? Können Sie sich zur ihr in Beziehung setzen, einen Platz oder eine Rolle darin einnehmen? Was wäre das? Warum könnte sie Teil dieser Ausstellung sein? Kennen Sie die Künstlerin oder den Künstler dieses Werkes? Wenn nicht, dann ist es nicht weiter von Bedeutung. Googeln Sie sie oder ihn aber spätestens zuhause. Könnten Sie die Arbeit jemandem beschreiben? Dann senden Sie doch eine SMS oder Email, twittern Sie die Arbeit oder posten Sie ihre Gedanken auf Facebook. Machen Sie etwas, trauen Sie sich, Sie haben nichts zu verlieren.

Chancen
Das Ziel der Kunstvermittlung und Kunstpädagogik ist die Partizipation an jenen Diskursen, Störungen und Fremdheitserfahrungen, die aktuelle Kunst eröffnet. „In einer Vermittlungssituation gilt das für alle Teilnehmenden. Das Wissen, dass Subjektivität im Blick notwendig ist, um aus dem Feld heraus überhaupt eine Perspektive zu entwickeln, impliziert, dass auch ein Vermittelnder in geglückten Vermittlungssituationen mit ‚anderem’ konfrontiert wird […] Dabei geht es nicht unbedingt immer um Neuerfindung, aber um die Aufmerksamkeit für Grenzverschiebungen.“ (Heil 2007, S. 340.) Das Ästhetische oder das Wahrnehmbare ist immer »ein Zugang, ein Ende […] ein Moment von Bildung.« (Pazzini 2003, S. 275-285, S.278.) Bildung ist der Prozess des Infragestellens hergebrachter und des Ausprobierens neuer Ordnungsmuster. (Vgl. Kokemohr 2007, S. 13–68, S. 14.) Eine Bildung, die sich auf aktuelle Kunst bezieht, will nicht die Wirklichkeit abbilden, es geht viel mehr »um den notwendigen, spannenden Prozess Wirklichkeit zu destruieren und zu konstruieren.« (Pazzini 2003, S. 285.) Wenn dieser psychische Vorgang als Recycling verstanden wird, dann ist aktuelle Kunst ein Katalysator.

Die ReBiennale

„Schwärme von Kunsttouristen; jede Menge Kunst, Material und Künstler. Und am Ende bleibt dann meist ein riesiger Kunstabfallhaufen zurück.“ (derstandard.at, veröffentlicht 02.06.2011.) Um die „Abfälle“ der Biennale kümmert sich seit einigen Jahren das Non-Profit-Unternehmen ReBiennale, eine Gruppe von Aktivisten, Kunst- und ArchitekturstudentInnen, die die Überreste der Biennale für Kunst- und Architekturprojekte recyceln. Da keine Lagerräume existieren, wird bereits zu Beginn eine Datenbank erstellt, in der die Materialien verzeichnet werden. Interessenten können dann direkt vom Ausstellungsgelände abholen, was sie reservieren. Aber auch aktuelle Arbeiten der Biennale profitieren davon. Mike Nelson zum Beispiel wurde dort für den Einbau eines türkischen Dorfes in den Britischen Pavillon fündig.

Lasst uns auch recyceln!

Der Text erscheint im Biennale-Katalog 2011 des FB Kunstpädagogik der TU Dresden.

Literatur:

Boris Groys: Über das Neue. Versuch einer Kulturökonomie. München 1992.

Christine Heil: Kartierende Auseinandersetzung mit aktueller Kunst. Erfinden und Erforschen von Vermittlungssituationen. München 2007.

Helga Kämpf-Jansen: Ästhetische Forschung – Fünfzehn Thesen zur Diskussion. In: Dies.: »Ästhetische Forschung. Wege durch Alltag Kunst und Wissenschaft – Zu einem innovativen Konzept ästhetischer Bildung«. Köln, 2000.

Rainer Kokemohr: »Bildung als Welt- und Selbstentwurf im Anspruch des Fremden. Eine theoretischempirische Annäherung an eine Bildungsprozesstheorie«, in: Koller, Hans-Christoph; Marotzki, Winfried; Sanders, Olaf (Hg.): Bildungsprozesse und Fremdheitserfahrung. Beiträge zu einer Theorie transformatorischer Bildungsprozesse, Bielefeld 2007.

Karl-Josef Pazzini: Alle Bildung ist ästhetisch. In: Lemke, Claudia, Meyer Torsten, Münte-Goussar Stephan, Pazzini Karl-Josef (Hg.): sense & cyber. Kunst, Medien, Pädagogik. Bielefeld 2003.

Hanno Rauterberg: Und das ist Kunst? Eine Qualitätsprüfung. Frankfurt am Main 2007.

Bernadette Settele: Vermittlung. In: Com&Com: Lexikon zur zeitgenössischen Kunst. Sulgen/ Zürich 2010.

Peter Sloterdijk: Das Zeug zur Macht. In: Ders., Sven Voelker: Der Welt über die Straße helfen. Designstudien im Anschluss an eine philosophische Überlegung. München 2010.

Eva Voermanek, Silke Wißmann: Wie geht Kunst? Künstlerische Prozesse bei Schülern und Lehrern. Kassel 2004.

kiss_Stipendiaten der TU Dresden

»Hier probieren Studierende der Kunstpädagogik mit Schülerinnen und Schülern etwas aus. Sie praktizieren und haben dabei die Möglichkeit und vor allem den Raum, zu experimentieren. Sie erproben Neues, auch für sie selbst Neues, vielleicht zunächst ungewohnt Anmutendes. […]

Im Projekt ›kiss‹ arbeiten Studierende der Kunstpädagogik während eines festgelegten Zeitraums mit Künstlern zusammen und ermöglichen über die Teilhabe an dieser Schnittstelle auch Schülerinnen und Schülern den Zugang zu Werken und Handlungsfeldern aktueller Kunst. Sie zeigen ihnen, auf welche Weise Künstler reflektieren, was sie direkt umgibt, wie sie ihre künstlerischen Eingriffe planen und welche Formen sie für die Umsetzung dieser Prozesse finden. Häufig stellen die Künstler den Stipendiaten ihre Arbeiten und Dokumentationsmaterial zur Verfügung. So profitieren nicht nur die Studierenden von der Arbeit mit dem Künstler, sondern auch die Schüler. Sie setzen sich mit den Vorgehensweisen und Gedankenwelten der Künstler auseinander oder nutzen einzelne Arbeiten als Impuls. In eigener praktischer Arbeit übersetzen sie das Kennengelernte und Erfahrene in individuelle Ausdrucksformen, ohne dass dabei die künstlerischen Arbeiten instrumentalisiert oder lediglich imitiert werden. Sie dienen der Erkenntnisgewinnung und der Eröffnung von Möglichkeiten, der Perspektivverschiebung und der Herstellung von Kontexten. Die Unterschiedlichkeit der entwickelten Konzeptionen, der Arbeitsweisen und Ergebnisse spiegelt auch die Heterogenität aktueller Kunst wider, die hier zum Motor für Bildungsprozesse wird. Diese Prozesse greifen über Schulgebäude und eingefahrene Denk- und Handlungsmuster hinaus und eröffnen Lernenden wie auch Lehrenden neue Denk- und Handlungsräume.«

(aus: Sara Burkhardt: Raum schaffen. Studentische kunstpädagogische Projekte in der Schule. In: BDK e.V. Fachverband für Kunstpädagogik, Siemens Stiftung (Hrsg.): Kunst und aktuelle Medienkultur in der Schule 2. Fünf Unterrichtseinheiten zu den Künstlern Jeanne Faust, M+M, Jonathan Monk, Michael Sailstorfer, Eran Schaerf. kiss – Kultur in Schule und Studium, München 2010, S. 4-7.)

Kunst als Interface [Sylvia Eckermann und Gerald Nestler]


»The Trend Is Your Friend«
Idea, Concept, Artwork: Sylvia Eckermann
Concept, Research, Text: Gerald Nestler
Sound architecture: Peter Szely

MedienKunstlabor Graz Kunsthaus Graz, 2009
In Kooperation mit: steirischer herbst 09
The Institute for Computer Graphics and Vision, Graz (TUG)
The Institute of Electronic Music and Acoustics, Graz (KUG)

»Econociety«, System, Wirtschaft, Konsum, Subjekt, Derivate, Brands, Trends, Raum, Informationsarchitekturen, Teams, Virtualität.

Mit großformatigen Untersuchungen und komplex verarbeiteten Strukturanalysen, verortet uns Gerald Nestler in Räume, in denen uns Kunst als Interface zwischen Wirtschaft, Mensch und Welt begegnet. Nun treffen wir dabei auf keine mimetischen Abbildungen gegenwärtiger Prozesse, sondern viel eher auf das Neue oder anders Zusammengefügte, auf virtuelle Informationsarchitekturen, auf einen Avatar, wir schreiten »hinein in unendlich marginale Räume, hinaus aus der zentralperspektivischen Normalwelt der ErdbewohnerInnen – in den Spiegel hinein« (Gerald Nestler. Derivative Narative. In: sonance.artistic.network (Hrsg.). RE. SONANCE. NETWORK. MISSION. 007, Wien 2007, S. 148.)
Bereits die Auflösung des Künstlermythos‘ hin zur Arbeit in Produktionsteams, in denen sich Experten aus verschiedensten Bereichen zusammenfinden, um eine komplexe Medieninstallation umzusetzen, zeigt »wie Zukunft Gegenwart schafft und Optionen sich als Kunst darstellen.« (Untertitel seines Artikels »Heavy Rotation System« im Kunstforum International, Band 200.) Kooperation statt Konkurrenz. Gerade das macht ihn für den Kunstmarkt (bewusst?!) sperrig.

»The Trend Is Your Friend« (MedienKunstlabor Graz, 2009) ist eine der aktuellsten Arbeiten von Sylvia Eckermann und Gerald Nestler (+ Sound Architecture: Peter Szely). Der Titel stammt von einer mehr oder weniger antiquierten Börsenweisheit. Den TeilnehmerInnen dieser interaktiven Installation ist es, wie in all ihren Arbeiten erlaubt, sich der eigenen Macht bewusst zu werden. Zusammenhänge und Bedeutungen können selbst konstruiert werden. »[…] die Individuen zirkulieren nicht in ihren Maschen, sondern sind auch stets in einer Position, in der sie diese Macht zugleich erfahren und ausüben; sie sind niemals die unbewegliche und unbewusste Zielscheibe dieser Macht, sie sind stets ihre Verbindungselemente. Mit anderen Worten: die Macht wird nicht auf Individuen angewandt, sie geht durch sie hindurch.« (Michel Foucault. Dispositive der Macht. Berlin, 1978, S. 82f.) Eckermanns und Nestlers Koproduktionen bieten keine vorgefertigten Lösungen, sondern sind offene Reflektionsräume. Deren Vorteile sind immens. SchülerInnen selbst könnten solche Räume schaffen, indem sie die Systeme, in denen sie eingeschrieben sind und zwischen denen sie oszillieren, dekonstruieren. Oder System hacking betreiben! Den Raum als Avatar sehen. Oder in der augmented reality arbeiten? Es können, wie beispielsweise in »The Trend Is Your Friend«, Informationsarchitekturen entstehen, die eigens geplant sind und somit eine offene Annäherung an Welt zulassen. Wo befinde ich mich, wann? Was konsumiere ich? Was mache ich? Wie? Und warum? Das Know Why, ja die Deutung von Systemcodes, der Prozess des Strukturierens und des Reflektierens hat hier besondere Bedeutung. Offene Reflektionsräume könnten dann zum Gegenstand aktueller (Selbst-)Bildung werden.


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