Archiv für Mai 2010

Startups | Subversive Feeds in Education

Am Wochenende wurde in Köln die SIGINT 2010 veranstaltet – eine Konferenz für Hacker, Netzbewohner und Aktivisten. Auch unser zweites Treffen mit Gerald Nestler in Wien bietet Anlass dafür, unsere System-Kunst-Bildung-Überlegungen sowie die Gedanken zum kiss-Projekt weiterzuführen.
Bei der SIGINT war die »liquid democracy« angesagt, ein Topos, der sich wohl täglich, wenn man Umfeld und Inhalte dieses Kongresses betrachtet, mit der foucaultschen Definition von Macht trifft. Die SIGINT sieht sich dabei als diskursiver Ort des digitalen Zeitalters. So bespielt sie übergreifende Themenkomplexe, die unter Begriffen wie Mitwirkung und Veränderung, gesellschaftspolitische Forderungen und Utopien, sog. Hacktivismus, kreative Normverletzungen und aktuelle Medien gefasst werden könnten.

Der US-amerikanische Rechtsanwalt Nick Farr etwa behandelte in einem seiner Vorträge die Frage: »What if one morning, the world woke up and found Hackers in charge of government?« Ein utopisches Spiel vielleicht. Hacking aber stellt Fragen, u.a.: Wie arbeiten Systeme? Was passiert direkt, was subversiv? Welche Ordnungen werden überwunden?
Hacker agieren von innen heraus, d.h. sie schleusen sich in ein System ein und analysieren dessen Arbeitsweise, um dann den cut through zu setzen – des Öfteren wird dies auch als Virus bezeichnet, der in den »Fluss der Codes« gebracht wird. An dieser Stelle, so Farr, deckt hacking auf, wie die Realität erscheint und wie es um die Transparenz von Systemen steht. Was aber ist Realität? Denn bei der Frage des Realen vermischen sich virtuelle und physische Welten. Die Ordnungen werden flüssig und hacking wird zur Strategie, die sich, ursprünglich computerbasiert, ad hoc in alle wirklichen und (un-)möglichen Räume einschreibt – verstanden als performativer Akt, der Subtilität und Subversion vereint. Konstruiere ich für dieses Vorgehen ein inneres Bild, spinnt sich so etwas wie ein technisch-biologischer Fußabdruck zusammen. Hacking würde dann den realen Cyborg verkörpern, die invisible hand, die ihre Spuren in Umcodierungen erscheinen lässt – oder einen klingonischen bird of prey, der im Tarnmodus feuern kann.

Gerade an den Schnittstellen des Virtuellen und des Physischen wird hacking auf diese Weise zum übertragenen, realen und kulturellen Handlungskonzept – dem cultural hacking.
Was passiert, wenn diese Art des Handelns auf den Alltag trifft? Aber wohl eher: Was läuft ab, wenn diese Strategie Einzug in den Unterricht an Schulen findet? Was kann das subversive Moment mit SchülerInnen machen? Findet es überhaupt eine Einbindung in die Lebenswelt? Oder anders: Sind Lehrende immer am Nabel der Zeit, am Nabel der Lebenswelten bzw. an der Zukunft 3.0? Was passiert, wenn flashmobs und ähnliche Aktionen Teil des Unterrichts werden? Welche Rolle spielt Unterricht? In welchen Formen existiert er dann überhaupt und als was bezeichnen wir es dann?
Stellen wir diese Fragen, bleiben die Antworten zunächst offen oder wir fragen erneut. Irgendwann aber, würden sie uns zu einer wohl eher performativen und decodierenden Form von Bildung leiten – ja, quasi einer Bildung durch Entbildung. Eine Form, die hinter die Spiegel schaut und die beginnt das Marginale zwischen Räumen und Systemen zu erforschen – Vibrationen in einer hyperlinked society. Wenn nicht Kunstpädagogik, was dann, könnte dafür in der Schule startups bieten.

Podcast zur SIGINT bei DeutschlandRadio Kultur

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kiss_Stipendiaten der TU Dresden

»Hier probieren Studierende der Kunstpädagogik mit Schülerinnen und Schülern etwas aus. Sie praktizieren und haben dabei die Möglichkeit und vor allem den Raum, zu experimentieren. Sie erproben Neues, auch für sie selbst Neues, vielleicht zunächst ungewohnt Anmutendes. […]

Im Projekt ›kiss‹ arbeiten Studierende der Kunstpädagogik während eines festgelegten Zeitraums mit Künstlern zusammen und ermöglichen über die Teilhabe an dieser Schnittstelle auch Schülerinnen und Schülern den Zugang zu Werken und Handlungsfeldern aktueller Kunst. Sie zeigen ihnen, auf welche Weise Künstler reflektieren, was sie direkt umgibt, wie sie ihre künstlerischen Eingriffe planen und welche Formen sie für die Umsetzung dieser Prozesse finden. Häufig stellen die Künstler den Stipendiaten ihre Arbeiten und Dokumentationsmaterial zur Verfügung. So profitieren nicht nur die Studierenden von der Arbeit mit dem Künstler, sondern auch die Schüler. Sie setzen sich mit den Vorgehensweisen und Gedankenwelten der Künstler auseinander oder nutzen einzelne Arbeiten als Impuls. In eigener praktischer Arbeit übersetzen sie das Kennengelernte und Erfahrene in individuelle Ausdrucksformen, ohne dass dabei die künstlerischen Arbeiten instrumentalisiert oder lediglich imitiert werden. Sie dienen der Erkenntnisgewinnung und der Eröffnung von Möglichkeiten, der Perspektivverschiebung und der Herstellung von Kontexten. Die Unterschiedlichkeit der entwickelten Konzeptionen, der Arbeitsweisen und Ergebnisse spiegelt auch die Heterogenität aktueller Kunst wider, die hier zum Motor für Bildungsprozesse wird. Diese Prozesse greifen über Schulgebäude und eingefahrene Denk- und Handlungsmuster hinaus und eröffnen Lernenden wie auch Lehrenden neue Denk- und Handlungsräume.«

(aus: Sara Burkhardt: Raum schaffen. Studentische kunstpädagogische Projekte in der Schule. In: BDK e.V. Fachverband für Kunstpädagogik, Siemens Stiftung (Hrsg.): Kunst und aktuelle Medienkultur in der Schule 2. Fünf Unterrichtseinheiten zu den Künstlern Jeanne Faust, M+M, Jonathan Monk, Michael Sailstorfer, Eran Schaerf. kiss – Kultur in Schule und Studium, München 2010, S. 4-7.)


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