Archiv für Februar 2010

Co-Working-Spaces

In Dresden, Hamburg, Berlin, Leipzig, Köln ist es schon zu Hause: coworking, eine »kreative«, seit einigen Jahren trendsetzende Arbeitsform, die auf Teamkooperation baut. Freiberufliche, ExistenzgründerInnen, KünstlerInnen, InformatikerInnen u.a. schließen sich ohne Bedingungen zusammen. Möglicherweise kommen diese Leute aus total unterschiedlichen Kontexten, Firmen oder Projekten und können dadurch vom Wissen anderer Beteiligter profitieren. Jeder bringt seine Interessen und Fähigkeiten mit – Interaktion und Austausch.

Oder aber coworking people kommen zusammen um so ein ganz eigenes, spartenübergreifendes Projekt zu starten. Die gemeinsamen, nach vorn gerichteten Interessen stehen im Zentrum. Working-spaces sind dabei z.B. eine gemeinsam angemietete Bürofläche, der virtuelle Raum, das home-office oder das Café (Kommunikation über social software). Jeder darf nach eigenem Ermessen arbeiten – unverbindlich und temporär. Das Dresdner Lock Office ist so ein coworking-space; eine Schnittstelle für die Arbeit von morgen?

Das Hallenprojekt, ein »Coworking-Netzwerk für Digitalarbeiter und Orte […] schafft und vernetzt virtuelle und reale Orte für kreatives Arbeiten in ebenso komfortabler wie inspirierender Atmosphäre für jedermann.« (http://hallenprojekt.de/). LockSchuppen (Dresden), mindmatters (Hamburg), Le Space (Leipzig), Studio 70 (Berlin), La Cantine (Paris) u.a. sind solche Räume und Beispiele für zukunftsgerichtetes creative working. Ja auch Marx meinte, dass der Arbeiter sich nicht nur von sich, sondern auch vom erarbeiteten Produkt und seinen Mitmenschen entfernt, wenn er nicht für sich selbst produziere – sich selbst verwirklicht. Kein Chef, keine Hierarchie und keine Konkurrenz? Ein Setzen auf das Humankapital. Und ein Konzept für die Schule?

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Recycling-System

(Re-)Generieren sich Systeme selbst? Und gibt es System-Recycling? Nicht nur bei einer näheren Betrachtung des Wortes Arbeit leuchtet es mir ein, wie komplex Lebensbereiche miteinander vernetzt und gekoppelt sind. Das, was ich eben gegessen habe, wo kommt es her? Wer hat es produziert? Wieviel habe ich dafür bezahlt? Welchen Lohn haben die Produzierenden dafür erhalten? Wer hat gearbeitet? Welche Maschinen? Wieviel haben daran gesessen? Von welcher Marke war das Essen? Wie teuer war es? Hat es sich gelohnt? Wer hat die besseren Herstellungsmethoden? Wie groß ist der Markt? Wer ist die Konkurrenz? Welche Konzerne stecken dahinter? Wo produzieren sie? Was steckt drin? […] Mehr unter: Arbeit.

Menschen und wachsende Komplexität

Wanted: Überforderung! Prof. Dr. Peter Kruse spricht über komplexe Systeme und die Wege wie Menschen mit ihnen umgehen: Intuition anstatt simplify your life, Musterbildungen, über das ständige up to date sein und über die Notwendigkeit sich selbst mit der Welt zu vernetzen.

System-Kunst-Bildung

Ein System ist ein kompliziertes, anders gesagt komplexes und globales, zum Teil abgeschlossenes Gebilde, dessen Gesamtbild sich aus unterschiedlichen Teilen ergibt, die sich gegenseitig bedingen. Makroebene und Mikroebene sind emergent, z.B. wird im Bereich der neuen Medien die Netzkunst durch das Zusammenwirken der einzelnen Teile des Systems »Internet« (weitere Vernetzung, Verlinkung, Aufrufe durch User etc.) verbreitet. Ähnlich verhält es sich bei Online-Spielen, Foren, Blogs u.a.

Die Komplexität eines Systems wird bestimmt durch die vielfältigen Verknüpfungen seiner Bereiche, die untereinander immer wieder neue, variable Vernetzungen eingehen können, sowohl zwischen gleichartigen als auch zwischen divergierenden Teilen. Eigene Ordnungen entstehen. Betrachte ich nun z.B. jedes Individuum als eigenes System, existieren auf diesem Planeten Milliarden von ähnlichen oder absolut gegenläufigen Ordnungen, die sich wiederum untereinander beeinflussen. »Ordnungen entstehen ebenso wie Chaos und Zerfall in kritischen Zuständen, die von Kontrollparametern eines Systems empfindlich abhängen oder sich selber organisieren.« (Klaus Mainzer, Komplexität, Paderborn 2008, S. 10)

Die Funktionssysteme einer heutigen Gesellschaft wie Wirtschaft, Politik, Recht, Medizin, Bildung, Schule und Kunst, sind untereinander verbunden. Das bezeichnet der Soziologe Niklas Luhmann als »strukturelle Kopplung« (Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt 1997, S. 778). Diese Kopplung zeigt sich vor allem in Leistungen, die systemübergreifende Beziehungen und Abhängigkeiten schaffen. Die Wirtschaft etwa finanziert alle Funktionssysteme. (Vgl. Gunter Runkel, Günter Burkart. Einleitung: Luhmann und die Funktionssysteme. In: Dies. (Hrsg.). Funktionssysteme der Gesellschaft: Beiträge zur Systemtheorie von Niklas Luhmann. Wiesbaden 2005, S. 7-11, S. 7f) Die Ökonomie wird damit zum Biofilm, in dem wir schwimmen. Aber auch im Kommunikationssystem werden unzählige singuläre Systeme miteinander vernetzt. Das System »Ameisenhügel« u.a. erweist sich nicht nur als ein sozial, militärisch und hierarchisch angelegtes, sondern auch als hochgradig kommunikatives Netz.

Systeme sind in ihrer Komplexität wohl kaum zu reduzieren. Zwar ermöglicht die Reduktion einen Überblick, eine Vereinfachung und Beherrschbarkeit der zumeist verschiedenartigen Strukturen, Verzweigungen bis in feinste Glieder gehen dabei verloren. Es wird verallgemeinert, das Besondere wird abgerundet – gleich gemacht. Homogenität und Überschaubarkeit anstatt einer komplexen, heterogenen Sicht auf die Dinge.

Schulische Vermittlungsprozesse sind hierfür besonderes Beispiel, wenn von didaktischer Reduktion die Rede ist – reduziert-linear anstatt Lebensweltorientierung und Vernetzung. »Ein Unterricht der an den Vorstellungen vorbeigeht, die die SchülerInnen von sich aus bilden, ist von vornherein zum Mißerfolg verurteilt, da er das Denken der Jugendlichen unberührt läßt. Ohne die Kenntnis der Gesichtspunkte der Schülerinnen und Schüler erscheinen biologische Sachverhalte den Lehrenden häufig allzu selbstverständlich […]«. Kriterien, die von der Biologie zur Einordnung von Tieren verwendet werden, sind SchülerInnen fremd. (UB 218/20. Jahrg./Oktober 1996) Eine über Jahrhunderte angewachsene Handhabung des »Gleichen« und des »Anderen«, d.h. tradierte Ordnung wird damit erschüttert. (Vgl. Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge, Frankfurt am Main 1974, S. 17)

komplexes System in Betrieb
(Quelle: http://img27.imageshack.us/img27/774/t7nbdx.gif)

Komplexität überfordert. Diese Überforderung kann, speziell im Bildungskontext, Ausgangspunkt anderer Denkprozesse werden. »Jedenfalls wird es etwas sein müssen, dass das normale Fassungs- und Verarbeitungsvermögen so übersteigt, irritiert, kurz austreten lässt, überzeichnet, durch hartnäckige Disziplin aushebelt, dass ein Mensch nicht umhin kann, dies so zu integrieren, dass dabei irgendeine Form von Erzählung abfällt. Das heißt, dass ein neuer Zusammenhang konstruiert wurde. Ein bisschen Qual, Widerwillen, Ekel und Schmerz wird wohl auch dabei gewesen sein. All das hat Kunst mehr als genug im Angebot.« (Karl-Josef Pazzini. Berge versetzen, damit es was zu erzählen gibt. In: Franz Billmayer (Hrsg.). Angeboten. Was die Kunstpädagogik leisten kann. München 2008, S. 157-163, S. 162f) Das Angebot von Kunstpädagogik ist, nach Pazzini, die Transgression, d.h. das Überholen des Allgemeinen und des Trivialen, hin zum Besonderen. Die Kunst könnte dann zum Denkprinzip der Pädagogik werden, zum Interface zwischen Welt und Individuum. Denn »bei der kommunikablen Prägung von Kunst wird dagegen das Vermittelbare im Horizont des Offenen zu einer Möglichkeit für den Betrachter. Seine Reaktionen und Handlungen sind hierbei weder präjudiziert noch absehbar. Es geschieht keine Integration in die Ordnung eines vorgegebenen Begriffes. Hier finden wir die Stoßrichtung der Postmoderne.« (Pierangelo Maset. Die „Kunst der Gesellschaft“ in Gesellschaft der Kunst. In: Gunter Runkel, Günter Burkart (Hrsg.). Funktionssysteme der Gesellschaft: Beiträge zur Systemtheorie von Niklas Luhmann. Wiesbaden 2005, S. 89-100, S. 92) Die kommunikative Wirkung des Systems »Kunst« – das zugleich wohl Kommunikationssystem, nebenbei Teil des Wirtschaftssystems und obendrein Körperteil einer Gesellschaft ist – führt zu offen angelegten Vermittlungsprozessen, die über schulische Zielvorstellungen hinausgehen.

Komplexe Strategien der Aneignung von Welt könnten dann Gegenstand dauerhaft unlinearer und vernetzter Bildungsprozesse sein, die auf Irritationen, als auch auf Selbst- und Fremdwahrnehmung setzen. Ein Zulassen von Komplexität entspräche ohnehin vielmehr dem umfassenden neuronalen System des humanoiden Gehirns und letztendlich der Struktur von Welt.

Über Ordnungen.

Aus dem Inhalt des Besteckkastens (von links nach rechts): Messer aus Metall, Gabeln, große Löffel, kleine Löffel, Messer mit Metallklinge und Plastikgriff, zwei Reagenzgläser. Wer braucht das?

Ordnungen sind Ergebnisse einer Auseinandersetzung mit Welt. Es sind Wahrnehmungsleistungen, die zu einer eigenen Erklärung und Strukturierung der Welt führen können. Nicht immer so einfach wie die Benutzung einer bestehenden Ordnung, sind dabei die Prozesse des Einordnens und Kategorisierens, sie bleiben oft unsichtbar. «Nichts ist tastender, nichts ist empirischer als die Einrichtung einer Ordnung unter den Dingen. Nichts erfordert ein offeneres Auge, eine treuere und besser modulierte Sprache.» (Michel Foucault. Die Ordnung der Dinge. Frankfurt am Main 1974, S. 22.) Die Erstellung neuer Ordnungsprinzipien erfordert Überwindung und Zeit. Welches Schlagwort? Wie ordne ich ein? Und vor allem was? Bereits das Taggen eines Blogartikels stellt mich dabei vor Schwierigkeiten. Anders dagegen verhält es sich beim Social Tagging: das freie Zuordnen von Schlagworten zu einem Inhalt durch LeserInnen, ohne bestimmte Regeln. Eine Form von Ordnung, welche die eines Individuums überschreitet, quasi kollektiv wird.

Ebenso wie Dinge lassen sich aber auch Bilder ordnen. Bilder sind und entstehen überall dort, wo wahrgenommen wird. Demnach lassen sich auch Dinge als Bilder bezeichnen. Jeder kann ordnen, entweder über Inhalte oder formale Aspekte. «Das Erforschen künstlerischer Werke im Netz begann für mich mit dem Auffinden, dem Sammeln, dem Beschreiben und dem Sortieren dieser Werke. Es mussten Ordnungen erfunden werden, um die Vielzahl von Werken in ihrer Heterogenität zu systematisieren und zu kontextualisieren.» (Sara Burkhardt. Das Netz als künstlerisches Medium. Neue Räume für kunstpädagogische Forschung. In: Meyer, Torsten, Sabisch, Andrea (Hrsg.). Kunst Pädagogik Forschung. Aktuelle Zugänge und Perspektiven. Bielefeld 2009, S. 193.)

Die Un- und Mehrdeutigkeiten bestimmter Bilder sperren sich oft gegen eine eindeutige Systematisierung. Neue, eigene Sparten können aufgemacht werden. Ja sogar Verlinkungen, ähnlich Hyperlinks, können unter den Teilen einer Ordnung und den Gliedern zwischen den Ordnungen entstehen. Bestehende, tradierte und sozialisierte Ordnungen und deren Prinzipien müssen dann hinterfragt werden, «um festzustellen, daß diese Ordnungen vielleicht nicht die einzig möglichen oder die besten sind.» (Foucault 1974, S. 23.) Dann entstehen Ordnungen als eigene (Bedeutungs-)Netze.

Wege der Videokunst ins Museum

RECORD > AGAIN! 40JAHREVIDEOKUNST Teil 2 nur noch bis zum 14. Februar im Kunsthaus Dresden.
Unbedingt besuchen.
4.2.2010 19:00 Uhr Heute!
VORTRAG UND GESPRÄCH – Wege der Videokunst ins Museum
Prof. Wulf Herzogenrath, Direktor der Kunsthalle Bremen im Gespräch mit Christiane Mennicke-Schwarz, Leiterin des Kunsthaus Dresden und Katja Albers, Assistenz und Kunstvermittlung, Kunsthaus Dresden.

»Das Gespräch mit Wulf Herzogenrath beleuchtet die Anfänge von Video als künstlerisches Medium und seine Stationen auf dem Weg ins Museum von Von Gerry Schums Fernsehgalerie und Projekt 74 bis zur Documenta 6 mit vielen persönlichen Anekdoten und Bildern. Wulf Herzogenrath konzipierte 1976 als damals jüngster Direktor eines deutschen Kunstvereins am Kölnischen Kunstverein die erste Retrospektive des Videopioniers Nam June Paik. Im Folgejahr war er als Kurator des Bereiches Videokunst der Documenta 6 maßgeblich für die frühe Institutionalisierung und Anerkennung des Mediums als eigene Kunstform verantwortlich. Als Kunsthistoriker gehört Herzogenrath zu den Wegbereitern des Mediums und hat für das Medium als Kurator wie auch als Herausgeber zahlreicher Publikationen wissenschaftliche Fundamente gelegt. 2006 war er Mitinitiator des Projektes 40jahrevideokunst.de, dessen Ziel eine umfassende Digitalisierung und Vermittlung bedeutender Positionen deutscher Videokunst war.« (www.kunsthausdresden.de)

Fachtagung des BDK Sachsen

Vom 26.-27. März 2010 findet im Fortbildungs- und Tagungszentrum Schloss Siebeneichen in Meißen die 3. Fachtagung des BDK Sachsen statt. Unter dem Titel »Kunst+« sollen Vernetzungen eröffnet werden, divergent, fächerübergreifend und in außerschulische Kontexte – Schule direkt in Leben und Alltag verorten. Aktuelle Positionen der Kunstpädagogik stehen somit im Zentrum. Neben Christine Heil (Kunst+Forschen: Kartieren mit künstlerischen Mitteln), werden u.a. Marc Fritzsche (»Interfaces für die Kunstpädagogik«) und Carl-Peter Buschkühle (Mehrperspektivität in künstlerischen Projekten. Beispiel »Kopf«) Workshops anbieten. Studierende können sich unter der Nummer 03521 4127-0 anmelden.


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