Archiv für November 2009

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Fragen an den Einkauf

Woher kommen die Hähnchenkeulen?
Wie kaufe ich ein? Was konsumiere ich?
Warum ist die Eingangstür elektrisch?
Wie kalt sind die Kühlregale?
Welche Ordnungen finde ich vor?
Was macht Werbung?
Wieviele Menschen haben die Bananen schon angefasst?
Wer sind die KassiererInnen?
Wie schnell ist das Förderband?
Wieviele stehen an der Kasse?
Was kommt in einen Nudelauflauf?
Was ist billiger?
Was fehlt in meinem Kühlschrank?
Was lässt sich für mich umordnen?
Wie kann ich neue Strukturen finden?
Was bietet Feinfrostware im Gegensatz zu Fertigkloßteig?
Welche Leute nutzen das dreilagige Toilettenpapier?

Was oder wer stellt alltägliche Ordnungen auf? Was passiert mit einer Erfahrung am Rande des scheinbar Alltäglichen? Wann und wie beginnt die bewusste Reflektion?
Alltagserfahrungen sind Schnittpunkte. Es wird etwas oder irgendwer erfahren, subjektiv, oft unbewusst ablaufend oder geregelt in Strukturen und Mustern. Der Kaffeesatz, die gestapelten Teller, eine Begegnung und ein offenes Browserfenster. Alles kann zu einer Grundlage für Fragestellungen werden, die ein Erforschen und Hinterfragen einleiten. Ästhetische Forschung (Alltag, Kunst, Wissenschaft) braucht zumeist ungewöhnliche Orte. Ungewöhlich ist es dann bereits, wenn ich einen Ort anders zu betrachten beginne. So meint ungewöhnlich wohl nicht extra-mega-super oder den Hyperraum, es ist die Art des anderen Umgangs, des nicht gewöhnlichen Handelns. Etwas, das vielleicht so selbstverständlich ist, ein Schnipsel, ein Schriftzug. »John Titor was here«, eine Nachricht, die ich im Juni 2009 in Venedig an irgendeiner Wand in irgendeiner Straße fand und irgendwie mitnahm. Wer ist oder war John Titor?

Bedeutungsirritationen finden im Entrücken statt. Eine Problematisierung kann folgen, zumindest wäre ein Ansatz, eine Frage möglich und nötig. Muss ich einen Gegenstand, einen Ort in seiner festgelegten Funktion benutzen? Und was mache ich in einem Supermarkt, wenn ich nicht einkaufe? Studierende der Kunstpädagogik (Einführungsseminar TU Dresden) fanden hier erste Ansätze Ästhetischer Forschungsarbeit: u.a. »Wieviel ist ein Lidl?«.

Zur Anwendung eines Kühlschranks

Den Kühlschrank befüllen und danach aus der Tür tragen.

Wann nerven Kühlschränke? 1. wenn sie zu laut brummen. 2. wenn sie nicht richtig abtauen. 3. wenn sie im Seminar an die Wand gestrahlt werden. 4. wenn sie zu klein sind. 5. wenn es stinkt. 6. wenn ihnen und den angrenzenden Zusammenhängen hier übermäßige Bedeutungen beigetragen werden oder auch nicht!

Weiterlesen ‚Zur Anwendung eines Kühlschranks‘

Und einmal mehr hat sich wieder unter Beweis gestellt, dass Bildung durch Bilder nicht immer bildet. Was ist Bild? Was ist Kunst? Und was bin ich vor bzw. in einem Bild? Bezugnehmend auf das vergangene Seminar einige theoretische Annäherungen.

Dank des guten Herrn Debray und seinem Cours de médiologie générale werden wir zwar theoretisch in das videosphärische Medien- bzw. Bildverständnis gedacht, bleiben dennoch oft genug gedanklich und daraus resultierend praktisch und kunstpädagogisch agierend in der Graphosphäre kleben, die sich laut Debray auf die Erfindung des Buchdrucks datieren lässt. Hierzu folgender Ausschnitt der norwegischen TV-Show »Østein & Meg« aus dem Jahr 2001.

Zurück zum Anfang. Der Mediologe Régis Debray unterscheidet drei große Zeitalter, die er allgemein unter dem Begriff Mediosphären zusammenfasst: Logosphäre (Bild=was Lebendiges=Präsenz=Index=z.Bsp. Relique=Index), Graphosphäre (Bild=eine Sache=ein Abbild=Ikon=z.Bsp. Portait des Heiligen) und Videosphäre (Bild=Wahrnehmung=Symbol=Plural). Unter Mediosphären versteht er kulturelle Makromilieus, die sich nicht nur, wie der Wortstamm Medio vielleicht vermuten lassen könnte, durch ihre medientechnologische Prägung und deren Veränderungen unterscheiden. Insbesondere entwickeln sie sich aus dem Verbund von symbolischen Formen (einem künstlerischem Genre, einer ästhetischen Form, einer Glaubensrichtung etc.), Medien und kollektiver Organisation (einer Partei, einer Schule, einem Industriezweig etc.) heraus.

Wenn Robin Rhode nun, die durch einen schnellen Strich an die Wand gezeichnete Gitarre auf der daneben gezeichneten Box versucht zu zerschlagen, bzw. das Plenum des Seminars »In Bewegung« eine Interaktion mit einem an die Wand projizierten Kühlschrank versucht einzugehen, beginnen beide ein einst graphosphärisches Problem hypersphärisch zu lösen.
Es gibt aber nicht die eine Lösung und auch nicht mehr Bild im Singular. Bilder werden im Plural gedacht. Laut Torsten Meyer, Professor für Kunst und ihre Didaktik an der Universität Köln, handelt es sich bei den pluralen Bildformen eben nicht mehr nur um das Ikonische, das Schöne, das Meisterwerk – um ein graphosphärisches Bildverständnis in dem sich Produzent und Rezipient genau in einem Punkt treffen – sondern eher um den symbolischen Umgang mit Bildern, um Bild als Wahrnehmung, um Perspektive im Plural.

Mehr u. a. in: Randgänge des Symbolischen – Kunst und aktuelle Medienkultur. In: BDK e.V. Fachverband für Kunstpädagogik und Siemens Arts Program (Hg.): Kunst und aktuelle Medienkultur in der Schule. Fünf Unterrichtseinheiten zu den Künstlern Com & Com, Dellbrügge & de Moll, Bjørn Melhus, Peter Piller, Robin Rhode. München 2009, S. 6-15.

Robin Rhode

Wände. Fußböden. Aktionsorte und reale Räume gleichermaßen. Robin Rhode bespielt Realität und Fiktion, bricht die Grenzen des bloßen Abbildes. Zeichnungen von Gegenständen werden als »real« erkannt, benutzt und verändert. »C’est une pipe« und sie darf geraucht werden.

Guten Tag Drehscheibentelefon

(zur nicht unbedingt außeruniversitären kunstpädagogischen Praxis)
Wer will nochmal, wer hat schon eins? Oldschool? Was ist das? Überlebenswichtig wie Biostrom vom Hamsterrad! Und durch welche Methode bekomme ich speziell mein Drehscheibentelefon? Per Postsendung, mit Adresse, Absender verstorben. Selbstschnüren verboten! Alles nur auspacken, eintrichtern und los geht die Glatteisstimmung des Verteilens. An wen? In die Sitzreihen von übergestern. Denn übermorgen lebt dann leider nicht mehr. Eventuell vertrocknet.

Der Schuss ins Blaue wird geplant, normalisiert und in die Bahn gelenkt. Tod der Erfahrung, her mit den Instruktionen! Nichtssagendes Reden über rostige Vorstellungen von Kunstpädagogik, ach nein Kunsterziehung muss es dann doch heißen. Wenn wir nicht aufpassen, bieten wir die nächste Wellnessoase, dekoriert mit Baumarktbildern. Denn Angebote neuer Medien und auch der Performace werden zwar erfahren, aber anscheinend unreflektiert und bewusst verdrängt. Weiter geht’s mit der Rosamalerei einer Kunstpädagogik, die scheinbar als Heilung angesehen wird. Lebst du schon, oder drehst du noch?!

Frage: »Schon mal was von Kunst anwenden gehört?«
Antwort: »Leicht zu handhaben ist alles, was ich so und so bereits weiß. Wozu etwas Anderes wollen? Das ist doch alles immer schwierig. Und wie mach ich das denn dann? Gibt es da vielleicht auch ein Handbuch? Und wenn ja, führt mich das dann auch zur richtigen Lösung?«

Guten Tag Drehscheibentelefon, tschüß Internet! Wer mehr zu erfahren hat, wählt 0180-11223344 für das Tutorial: How to use my brain?

Ketchupoper, nudedating, und wie man eine Mikrowelle als Lampe nutzt.

Die Künstler David Bestué und Marc Vives (Biennale Venedig 2009) durchspielen in ihren »Acciones« sinnlose Handlungen. Dabei gehen Akteur und Material eine untrennbare Verbindung ein. Die Logik wird dem Betrachter/der Betrachterin beim ersten Hinsehen nicht bewusst. Logik? Beginnendes Lachen. Die Frage nach der Dummheit und dem bored-with-life-Syndrom. Darf eine Nachahmung stattfinden?

Nun gut, sinnlos wäre wohl auch die Antwort hierauf. Durchnummerierte Handlungen, die jeweils einzeln betitelt sind, werden collagiert, laufen im Wechsel und parallel zueinander. Dadurch entsteht eine Abfolge nicht aufeinander bezogener Aktionen. Brüche sind klar gewollt, werden initiiert. Die Verwendung von Material und Körper wird surreal, verfremdet – auf anderen Ebenen, entgegen Konnotationen, neu geordnet. Eine scheinbare Sinnlosigkeit ist gerade deswegen vorprogrammiert. Erinnerungen an den »Lauf der Dinge« von Fischli und Weiß könnten geweckt werden.

Die »Acciones« bieten dem Betrachter/der Betrachterin völlig neue Lösungen alltäglicher Probleme an, oder lassen zumindest ein Quantum eigener Reflektion zu. Abwaschen kann ich auch durch die gesamte Küche. Und das Licht der Mikrowelle gibt eine gute Leselampe ab. Nicht? Die bewusste, inszenierte Durchführung anscheinender Unalltäglichkeiten assoziiert die Idee einer Bedienungsanleitung – ins Lächerliche verrückt. Dingbegeistert. Ein Tutorium für die, deren Käsebrötchen in der Manteltasche weiterbackt, für unterwegs.


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